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AnalyseWarum Corona die USA so verheerend trifft

Die Vereinigten Staaten sind zum Hotspot der globalen Corona-Krise geworden, weil sie besonders schlecht gegen Epidemien gerüstet sind. Drei Gründe für die Misere.

Hilfe kommt in Form eines Spitalschiffs: Die USNS Comfort läuft in New York ein.
Hilfe kommt in Form eines Spitalschiffs: Die USNS Comfort läuft in New York ein.
Foto: Reuters


Wenn die Zahl der wegen Covid-19 Verstorbenen in etwa im Bereich von 100’000 bliebe, «dann hätten wir alle zusammen gute Arbeit gemacht», sagte Donald Trump am Sonntag. Eine Totenzahl in derartiger Höhe aber läge pro einer Million Personen deutlich höher als in europäischen Ländern mit vergleichbarer Gesundheitsversorgung.

Warum? Eine Antwort darauf liefern drei amerikanische Besonderheiten: Der Gesundheitszustand von Minderheiten und Ärmeren ist im Vergleich deutlich schlechter, die Zahl der Obdachlosen und Gefängnisinsassen ist hoch, und die Gesundheitsversorgung in ärmeren Stadtvierteln und ländlichen Gebieten war bereits vor Ausbruch der Seuche mangelhaft.

1. Vorerkrankungen gefährden Afroamerikaner

42 Prozent der Amerikaner sind neuesten Angaben zufolge fettsüchtig, zwei von drei Erwachsenen haben Übergewicht. Die ungesunde Ernährung gerade ärmerer Schichten trägt zu weitverbreiteten Herz-Kreislauf-Erkrankungen, hohem Blutdruck und Diabetes bei. Die Auswertung von Daten aus Wuhan hat gezeigt, dass wegen solcher Vorerkrankungen eine Ansteckung mit dem Virus besonders gefährlich werden kann.

Besonders betroffen davon wären Afroamerikaner in Städten wie Chicago, Detroit, Baltimore, Milwaukee, St. Louis und Memphis. Die afroamerikanische Gemeinschaft in seinem Staat sei eine «Krise in der Krise», sagt Wisconsins demokratischer Gouverneur Tony Evers. War die medizinische Versorgung innerstädtischer Armer schon vor der Corona-Krise problematisch, so könnte sie jetzt katastrophal werden.

Auch die Latinos sind besonders betroffen: Ein Mann wartet vor einem Test-Zelt.
Auch die Latinos sind besonders betroffen: Ein Mann wartet vor einem Test-Zelt.

Auch für sozial schwache Latino-Gemeinschaften etwa in Kalifornien, längs der US-Grenze zu Mexiko in Texas und in Metropolen wie New York und Houston birgt der Erreger besondere Risiken. Viele Latinos und Afroamerikaner aus den Unterschichten arbeiten wenn immer möglich trotz der Epidemie weiter, in New York zum Beispiel benutzen inzwischen vor allem Ärmere die U-Bahn und setzen sich dadurch erhöhtem Infektionsrisiko aus.

2. Millionen obdachlos oder im Gefängnis

Die landesweit hohe Zahl von Obdachlosen – allein im Grossraum Los Angeles rund 50’000 – dürfte die Bekämpfung der Seuche zusätzlich erschweren. In den Gefängnissen des Bundes und der Einzelstaaten sitzen unterdessen insgesamt 2,2 Millionen Menschen ein, mehr als in jedem anderen Land der Erde. Weil sie einen Ausbruch mit verheerenden Folgen für die Insassen befürchten, drängen Ärzte und Sozialhelfer auf die vorzeitige Entlassung möglichst vieler Inhaftierter.

3. Zu wenig Betten und Beatmungsgeräte

Mängel im amerikanische Gesundheitswesen könnten ebenfalls zu einer vergleichsweise hohen Zahl von Coronavirus-Toten beitragen. In den Vereinigten Staaten gibt es pro 100’000 Einwohner weniger Krankenhausbetten als in Italien, die Hospitäler wären einem Ansturm von Corona-Patienten kaum gewachsen.

«Wir werden schon diese Woche nicht mehr genügend Beatmungsgeräte haben», befürchtet etwa William Nungesser, der republikanische Vizegouverneur von Louisiana, wo sich der Erreger derzeit schnell ausbreitet. Der Staat hatte 12’000 Beatmungsgeräte angefordert, bis Montag aber lediglich 192 erhalten. Andernorts ist die Lage nicht besser, es fehlt landesweit an Atemschutzmasken und Beatmungsgeräten.